Erst als erkannt wurde, dass die Unterbringung und Pflege von Labortieren auch die Qualität der Experimente nachhaltig beeinflusst, wandte man sich der Versuchstierhaltung ernsthaft zu. Das entsprechende Interesse setzte gegen Ende der sechziger Jahre ein, als sich die Versuchstierkunde langsam als eigenständige Disziplin etablierte. Heute sind die Haltung und Pflege von Labortieren in den meisten nationalen genauso geregelt wie in den europäischen Tierversuchserlassen. Die entsprechenden Bestimmungen sind jedoch in der Regel nur sehr rudimentär und dienen überwiegend wissenschaftlichen Interessen, während ethologische Aspekte kaum Berücksichtigung finden. So enthalten beispielsweise sowohl das Versuchstierübereinkommen des Europarats als auch die entsprechende EU-Richtlinie die Forderung, dass "die Möglichkeiten eines Tieres, seine physiologischen und ethologischen Bedürfnisse zu befriedigen", nicht mehr als nötig eingeschränkt werden dürfen. Wenn überhaupt, dann wurden diese Vorgaben bis anhin höchstens bei Tierarten umgesetzt, die dem Menschen emotional nahe stehen, während bei der Unterbringung und Pflege von Mäusen, Ratten oder Kaninchen - die zusammen den überwiegenden Teil der Labortiere ausmachen - weit weniger Rücksicht genommen wird. Bei den in den jeweiligen Anhängen enthaltenen Bestimmungen über Käfiggrössen und maximale Belegdichten handelt es sich zudem lediglich um Minimalanforderungen mit empfehlendem Charakter, die verhaltensgerechten Standards nicht ausreichend Rechnung tragen. Aus ethologischer Sicht zu bemängeln sind etwa die knappen Käfigabmessungen, das (biologisch nicht begründbare) Verhältnis zwischen Tiergewicht und Käfigmass und vor allem die absolute Reizarmut und Monotonie der Haltung.
Auf gesetzlicher Ebene besteht somit ein erheblicher Handlungsbedarf. Gemessen am für eine verbesserte Labortierhaltung betriebenen Forschungsaufwand sind die bis anhin - oftmals gegen den Willen der Wissenschaftler - durchgesetzten Reformen eher bescheiden (immerhin wurden auf freiwilliger Basis einige Verbesserungen erreicht). Wenngleich regelmässig behauptet wird, Versuchstiere hätten heutzutage ein weitgehend artgerechtes Leben, orientieren sich die Bestimmungen nach wie vor primär an den Interessen der Nutzer, ohne den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden. Das in diesem Zusammenhang immer wieder angeführte Argument, die meisten Versuchstiere führten ein besseres Dasein als viele landwirtschaftliche Nutztiere, mutet angesichts der Missstände in der Nutztierhaltung ohnehin zynisch an.
Anzuführen bleibt, dass strengere Haltungsbestimmungen nicht nur den einzelnen Labortieren zugute kämen. Eine nicht artgerechte Unterbringung und Pflege der Tiere beeinträchtigt die Versuchsergebnisse nachweislich negativ. Eine nachlässige und grobe Behandlung sowie hektische Bedingungen im Laborbetrieb stören nachweislich das Immunsystem der Tiere und lösen Angst- und Panikreaktionen aus, was die Aussagekraft von Experimenten beeinflusst. Je artgerechter die Versuchstierhaltung ist, desto weniger werden auch die Testergebnisse durch Haltungsmängel verfälscht. Entsprechende Verbesserungen führen zu einer besseren Aussagekraft der Resultate, was letztlich auch den Forschungsstand deutlich erhöht. Darüber hinaus würde das Image der tierexperimentellen Industrie gestärkt, die mit einer artgerechten Labortierhaltung ihren guten Willen unter Beweis stellen könnte.
Bedienung
Ausführlichkeit
Qualitätsanspruch
Radikal für die Tiere
Wertschätzung
Lustfaktor
Nicht bewertet