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Geflügel

Neben der Eier- und Fleischerzeugung kam in der Geflügelzucht früher auch der ästhetischen Erscheinung der Tiere eine bedeutende Rolle zu. Dies bot freilich noch keine Gewähr für einen artgerechten Umgang mit den Tieren, doch entstanden auf diese Weise Hunderte verschiedener Hühnerrassen, wobei allein in der Schweiz über 150 existieren. Um die Jahrhundertwende setzten aber auch hier planmässige und ausschliesslich wirtschaftlich orientierte Zuchtmethoden ein (ihren Anfang nahm die wirtschaftlich ausgerichtete Geflügelzucht mit der 1897 in England erfolgten Gründung der ersten Legeleistungsprüfstation). Seit den sechziger Jahren wird vor allem das Verfahren der sog. Hybridisierung (auch Verdrängungszucht genannt) angewandt. Hierunter zu verstehen ist die Kreuzung von Tieren ausgeprägter, sich in ihren Leistungsmerkmalen deutlich unterscheidender Inzuchtlinien oder -rassen zu leistungsfähigen Bastarden oder vereinfacht ausgedrückt: aus genetisch unterschiedlichen Eltern entstandene Tiere (wichtig ist dabei, dass die Ausgangslinien bzw. -rassen möglichst einheitliche Erbanlagen aufweisen). Nachdem das aufwändige Verfahren in den dreissiger Jahren in den USA erstmals an Maispflanzen erprobt worden war, übertrug man die gewonnenen Erkenntnisse wenig später auf Nutztiere. In der Geflügelzucht war der Hybridisierung ein grosser Erfolg beschieden, weil sie die Möglichkeit eröffnete, wirtschaftlich relevante Eigenschaften wie die Legeleistung von Hennen oder das Wachstum von Masthühnern viel schneller und nachhaltiger zu verbessern als dies durch künstliche Selektion möglich ist.

Mit der Hybridisierung konnte die Gewichtszunahme von Mastgeflügel ebenso gesteigert werden wie die Legeleistung von Hennen, die mit annähernd 300 Eiern pro Jahr bereits doppelt so viel produzieren wie noch vor fünfzig Jahren; allein zwischen 1970 und 1987 konnte die Legeleistung um beinahe vier Eier pro Jahr erhöht werden. Gleichzeitig fand aber auch eine Abkehr von der Haltung traditioneller Zweinutzungshühner hin zur konsequenten Trennung in Legehennenhaltungs- und Geflügelmastbetriebe statt. Die genetische Basis der Wirtschaftsgeflügelzucht ist gesamthaft sehr schmal (sämtliche Hybridlegetiere lassen sich auf lediglich drei Ausgangsrassen zurückführen, während es bei den Masthybriden sogar nur deren zwei sind). Durch die starke Dominanz der Hybridenzucht geht die Bedeutung traditioneller Hühnerrassen aber dennoch so deutlich zurück, dass mittlerweile verschiedene vom Aussterben bedroht sind.

Auch haben die Methoden der entsprechend spezialisierten Zuchten geradezu lebensverachtende Formen angenommen. In der Legehennenzucht wird rund die Hälfte der Tiere bereits an ihrem ersten Lebenstag als Abfall entsorgt: Da eine Mästung der männlichen Küken aufgrund ihres geringen Gewichts unrentabel ist - die Zuchtziele "gute Legeleistung" und "schneller Fleischzuwachs" schliessen sich gegenseitig aus -, werden sie unmittelbar nach dem Schlüpfen aussortiert, vergast bzw. im sog. Kükenmixer zerhackt und zu Futtermittel verarbeitet (das sog. Sexen, d.h. das sekundenschnelle Trennen von männlichen und weiblichen Küken, wird oftmals von koreanischen Spezialisten vorgenommen). Allein in Deutschland werden auf diese Weise jährlich 44 Millionen unerwünschte männliche Küken getötet und entsorgt, in der Schweiz sind es immerhin rund zwei Millionen pro Jahr. Die Tötung von Eintagsküken wird allgemein als gerechtfertigt erachtet und durch die einschlägigen Gesetzesbestimmungen legitimiert. Ethisch sind die ausschliesslich aufgrund des Geschlechts der Tiere vorgenommenen Tötungen jedoch in keiner Weise zu rechtfertigen.

Die weiblichen Tiere legen in ihrer kurzen Nutzungsdauer - aus ökonomischen Motiven werden Legehennen heute in der Regel nur eine einzige Legeperiode (d.h. maximal 16 Monate) lang gehalten, während der sie zwischen 300 und 350 Eier produzieren - dafür immer mehr und schwerere Eier. Die hohen körperlichen Belastungen führen dabei häufig zu Krankheiten wie Eileiterentzündungen, Fettleber und Osteoporose sowie Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus.

Auch Masthybriden leiden unter verschiedensten Erkrankungen und erheblichen körperlichen Schäden. Verbreitet sind insbesondere Herz-Kreislauf-Versagen, Muskel- und Ödemkrankheiten sowie Skelettdeformationen, die allesamt der Zucht auf möglichst schnellen Fleischzuwachs bestimmter Körperpartien zuzuschreiben sind (die Tiere bestehen zu beinahe 60 Prozent aus Brust- und Schenkelmuskulatur). Während die Mastdauer früher in der Regel zwischen achtzig und hundert Tagen betrug, leben Masthühner heute kaum mehr als sechs Wochen, bevor sie bei vollem Gewicht geschlachtet werden. Moderne Masthybriden (die heutzutage sowohl männlich als auch weiblich sein können) nehmen täglich 4 bis 6 Prozent ihres Körpergewichts zu und erreichen das angestrebte Endmastgewicht von rund 1,5 Kilo bereits nach durchschnittlich 35 Tagen. Beim raschen Fleischzuwachs vermehren sich nur einzelne, nicht aber alle funktionstüchtigen Muskelfasern, was zur Folge hat, dass die grossen Muskelzellen bei Belastungen nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden können. Ausserdem wächst das Muskelfleisch bei seiner schnellen Entwicklung dem Skelett förmlich davon, sodass dieses seiner Bewegungs- und Stützfunktion nicht mehr genügend nachkommen kann. Viele Tiere leiden unter dem sog. Beinschwächesyndrom (krankhaften Erscheinungen wie abnormales Knorpelwachstum oder dem Abgleiten der Achillessehne vom Sprunggelenk), da das Wachstum und die Mineralisation der Knochen mit jenem der Muskeln nicht Schritt halten können. Bei bis zu 90 Prozent der Masthybriden treten teilweise erhebliche Knochen-, Gelenk- und Fortbewegungsprobleme auf. Die Tiere reduzieren ausserdem arteigene Verhaltensweisen wie Scharren und Picken deutlich.

Ähnliche Probleme treten bei Mastputen auf, die durch ihr enormes Gewicht oftmals derart vorderlastig sind, dass sie sich kaum auf den eigenen Beinen halten können. Während wilde Truthähne durchschnittlich etwa fünf Kilo wiegen, erreichen Mastputen innerhalb ihrer 22 Lebenswochen ein viermal höheres Endgewicht. Auch hier ist eine erhebliche Beinschwäche die Folge (die Tiere nehmen ihre Nahrung vorwiegend im Liegen auf), zudem ergeben sich bei der Fortbewegung, der Gefiederpflege und der natürlichen Fortpflanzung verschiedene Probleme, sodass eine Mehrzahl der Tiere chronisch leidet. Die Putenzucht wird in der Schweiz nicht praktiziert, die Tiere werden jedoch als Bruteier oder Eintagsküken aus Deutschland oder Frankreich importiert und hierzulande ausgemästet. Ein Extrembeispiel für die Auswüchse der modernen Nutzgeflügelzucht stellt das sog. Nackthuhn dar, dessen Gefieder gänzlich weggezüchtet wurde, um die Wärmeabgabe und den Stoffwechsel der Tiere zu verbessern und somit die Eierleistung auch in feuchtwarmen äquatorialen Tropengebieten zu erhöhen. Für die Hühner bedeutet dies jedoch eine erhebliche Belastung, da sie bei Temperatursenkungen mangels isolierender Federschicht frieren bzw. sich bei Sonneneinstrahlung verbrennen und Hautausschläge erleiden.


Literatur zu diesem Thema

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