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Verursachte Ängste und Schmerzen

Da sowohl das Niederwerfen als auch das Entbluten für die unbetäubten Tiere möglicherweise erhebliche Ängste, Schmerzen und Leiden bedeuten, stellt sich die Frage, ob das rituelle Schlachten als Tierquälerei bezeichnet werden muss. Der Schächtschnitt selbst verursacht – sofern fachmännisch in einem Zug ausgeführt - dem Tier wohl keine beträchtlichen Schmerzen. In der Literatur wird aber auch die (gegenteilige) Ansicht vertreten, dass der Kehlschnitt sogar sehr schmerzhaft ist, weil dabei auch Nervenstränge zum Gehirn durchtrennt werden. Gerade bei Grossvieh reicht ein einziger Schnitt zudem häufig nicht aus, sodass - zuweilen sogar mehrmals - nachgeschnitten werden muss, damit das Tier richtig ausblutet und stirbt. Zu qualvollen Fehlschächtungen, welche die Tiere bei vollem Bewusstsein erleben, kommt es insbesondere, wenn die Haut und Muskulatur des Halses beim Schnitt nicht vollständig gespannt sind und das Schächtmesser nicht tief genug eindringen kann.

Auch ist es nicht auszuschliessen, dass die nach dem Schächtschnitt verstreichende Zeit bis zum Eintritt der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit ein tolerierbares Mass übersteigt. In der Frage, wann genau die Tiere das Bewusstsein infolge des plötzlichen Druckabfalls sowie der damit verbundenen Schockwirkung verlieren, gehen die Auffassungen wiederum weit auseinander. Schächtbefürworter vertreten den Standpunkt, dass dies aufgrund der unterbrochenen Blutzufuhr zum Gehirn unmittelbar mit dem Halsschnitt geschehe und eventuelle Bewegungen lediglich als Reflexe zu werten seien. Einen eindeutigen Beweis hierfür gibt es bislang jedoch nicht; ob und in welcher Intensität die Tiere tatsächlich Schmerzen empfinden, lässt sich nicht objektiv feststellen, da das Gehirn nach einer kurzen Latenzdauer in seiner Funktionsfähigkeit bereits sehr stark eingeschränkt ist. Kritiker gehen vielmehr davon aus, dass die zugeführte Restblutmenge zur Funktion des Gehirns noch ausreiche und die Tiere das Bewusstsein erst mit dessen völliger Blutleere und daher unter grossen Qualen und Angstzuständen verlieren, die durchschnittlich 15 bis 25 Sekunden - bisweilen aber auch bedeutend länger dauern. Die Ansicht stützt sich auf den Umstand, dass durch den Halsschnitt lediglich ein Teil der Blutgefässe zum Gehirn durchtrennt wird, während die zur Wirbelsäule verlaufenden Arterien, die einen Grossteil der Blutzufuhr leisten, unversehrt bleiben und weiterhin für eine ausreichende Gehirndurchblutung sorgen, sodass die Bewusstlosigkeit nicht sofort eintreten kann. Erhebliche Verzögerungen des Bewusstseinsverlusts scheinen tatsächlich immer wieder aufzutreten. So wurde bei Rindviehschächtungen beobachtet, dass 5 bis 10 Prozent der Tiere innerhalb von dreissig bis sechzig Sekunden nach dem Halsschnitt und ihrer Befreiung aus dem sog. Weinbergschen Umlegeapparat in der Lage waren, Aufstehversuche zu unternehmen oder sogar einige Schritte zu gehen, bevor sie zusammenbrachen. Untersuchungen zufolge sind die Hirnströme bei Kälbern nach dem Schächtschnitt noch bis zu fünf Minuten lang messbar.

Umstritten sind auch die Vorbereitungsmethoden, mit denen die Tiere in die für den Halsschnitt richtige Position gebracht werden. Während man Kälber in der Regel an einem Hinterbein hochzieht und hängend oder (wie auch Schafe und Ziegen) auf einer Schlachtbank liegend schächtet, muss erwachsenes Rindvieh gewaltsam auf den Rücken gelegt werden, indem man ihm beispielsweise drei Beine zusammenbindet und ruckartig wegzieht. Nicht selten schlagen die Tiere beim Sturz mit Körper und Kopf hart am Boden auf. Anschliessend wird ihnen der Kopf (von Hand oder mittels eines Kopfhalters) derart nach hinten gedrückt, dass die Hörner auf den Boden zu liegen kommen und die Haut, Muskeln und Weichteile an der nach oben gekehrten Halspartie maximal gespannt werden. Bei den Tieren, die sich je nach Art, Rasse, Temperament und körperlicher Verfassung mehr oder weniger intensiv zur Wehr setzen, führt das Prozedere immer wieder zu panikartigen Reaktionen und schmerzhaften Verletzungen wie Quetschungen, Horn- oder Knochenfrakturen. Nicht nur aus tierschützerischen Motiven, sondern auch, weil verletzte Tiere - zumindest gemäss jüdischen Schlachtvorschriften - nicht mehr als rein gelten und daher zu ersetzen sind, wurden im Laufe der Zeit verschiedene mechanische Einrichtungen entwickelt, um das Niederlegen zu verbessern (möglich war dies, weil für das Umwerfen der Tiere keine religionsgesetzlichen Vorschriften bestehen). In der Praxis verbreitet ist heute namentlich der hydraulisch arbeitende sog. Weinbergsche Umlegeapparat ("Casting Pen"). Dabei handelt es sich um ein Ende der zwanziger Jahre in England entwickeltes Gerät, das in der Folge wiederholt verbessert wurde und dessen Verwendung heute in verschiedenen Staaten (so beispielsweise in Grossbritannien und Frankreich) gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Apparatur besteht aus einem drehbaren Rahmengestell, worin Schlachtrindvieh fixiert und innerhalb von knapp zwanzig Sekunden um 180 Grad in Rückenlage gebracht werden, sodass man an der Halsunterseite den Schächtschnitt anbringen kann. Unter tierschützerischen Gesichtspunkten stellt das Gerät jedoch bei weitem keine ideale Lösung dar, da bereits der Eintrieb und die Fixierung relativ lange dauern und für die Tiere sehr belastend sein können. Von panikartigen Zuständen werden sie ausserdem häufig erfasst, wenn sich die Trommel des Apparats um die eigene Achse dreht. Weitere Probleme treten nicht selten beim Schächtschnitt auf, wenn die Kopffixierung unkorrekt ausgeführt wird und die Tiere mit Abwehrbewegungen reagieren. Durch das Schächten in Rückenlage können sich an der Schnittstelle letztlich Blutseen bilden, die zur Folge haben, dass die Tiere Blut oder Mageninhalt aspirieren und Erstickungsängste auftreten. Mehr Erfolg erhofft man sich von einer modifizierten Version der sog. Cincinnati-Falle, die sich in den USA und in Kanada bereits bewährt hat und es erlaubt, Rindvieh stehend zu schächten. Diese stellt aus tierschützerischer Sicht zwar noch immer keine absolut befriedigende Lösung dar, weist jedoch gegenüber dem Weinbergschen Umlegeapparat verschiedene unbestrittene Vorteile auf.


Literatur zu diesem Thema

 

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