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Ethopathien

Neben Erkrankungen und körperlichen Schäden rufen die Methoden der Intensivtierhaltung auch zahlreiche Verhaltensstörungen hervor, die als Indikatoren für ein überfordertes Anpassungsvermögen von Nutztieren und mehrheitlich auch für ihr Leiden gelten. Da die meisten dieser Ethopathien die Tiere nur psychisch beeinträchtigen, ohne sich aber auf ihr Leistungsvermögen und ihre wirtschaftliche Nutzungsfähigkeit auszuwirken (sog. reaktiven Verhaltensstörungen), fehlt vielen Haltern der ökonomische Anreiz, schädigende Haltungsbedingungen im Sinne des Tierschutzes zu verbessern. Aus einer langen Reihe sich in verschiedener Weise äussernden Verhaltensanomalien seien im Folgenden einige wenige exemplarisch dargestellt:

Die stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit, fehlende Umweltreize sowie das Unterdrücken artspezifischer Gebaren wie Lauf-, Fress- oder Nestverhalten führen bei den Tieren zu sog. Triebstaus, d.h. Aktivitätsüberschüssen bei gleichzeitig sinkender Reizschwelle. Als Folge davon treten beispielsweise innerartliche Aggressionen wie Rangauseinandersetzungen und gegenseitiges Benagen auf. Bei Schweinen bewirkt die karge Umwelt ohne Beschäftigungsmaterial häufig das gegenseitige Abbeissen der Ohren und Schwanzspitzen bis hin zu eigentlichem Kannibalismus. Aufgrund fehlender Beschäftigungsmöglichkeiten orientieren die Tiere ihr Erkundungsverhalten auf den Körper von Artgenossen um. Ist es dabei einmal zu Wunden gekommen, wird das Bebeissen durch den Blutgeschmack zusätzlich gefördert und auch für weitere Schweine attraktiv, die dann ebenfalls versuchen, ihren verletzten Artgenossen zu verfolgen und zu beissen. Folgen der Bisswunden sind nicht selten schwere Infektionen und Gelenkentzündungen bis hin zu Abszessen im Rückenmark und dadurch verursachte Querschnittslähmungen. Für das Schwanz- und Ohrenbeissen sowie den Kannibalismus - allesamt Verhaltensweisen, die in der traditionellen Landwirtschaft bei Mastschweinen früher kaum auftraten - förderlich wirken sich insbesondere Betonbuchten mit Spaltenböden, strohlose Aufstallung und ungünstige stallklimatische Bedingungen wie etwa eine erhöhte Schadgaskonzentration aus. Das Abbeissen der Schwänze und Klauen von Jungtieren ist im Übrigen auch bei ganztags in Ställen gehaltenen Mutterschafen zu beobachten. Sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität derartiger Verhaltensanomalien nehmen bei steigender Besatzdichte zu, da der extreme Platzmangel eine Flucht der Tiere voreinander erschwert und dazu führt, dass sie den Angriffen ihrer Artgenossen schutzlos ausgeliefert sind.

Auch die bewegungsarme Einzelhaltung führt bei den kontaktfreudigen Tieren zu Frustration und Stress; so können angebundene oder in Kastenständen fixierte Muttersauen derart aggressiv werden, dass sie ihre eigenen Jungen auffressen. Ein übersteigertes Angriffsverhalten lässt sich schliesslich auch bei Käfighennen beobachten, wobei es insbesondere unter geschlechtsreifen Tieren häufig zu Rangkämpfen und Federpicken (wiederum bis hin zu Kannibalismus) kommt. Ebenfalls weit verbreitet sind verschiedene Arten übermässigen Angst- und Fluchtverhaltens, wie Ausbruchversuche oder ein nervöses Eiablageverhalten von Batteriehühnern. Diese halten die Eier solange wie möglich zurück, um sie dann unter grossem Stress einfach fallen zu lassen. Ebenfalls verbreitet sind Leerlauf- und Ersatzhandlungen an nicht adäquaten Objekten. Hierzu gehören beispielsweise Nestbaubewegungen, das Scharren und "Futterbaden" von Käfighennen oder das sog. Scheinsaugen von Kälbern, die früh von ihren Muttertieren abgesetzt und aus Eimern getränkt werden. Nach Entfernen des Eimers saugen die Tiere mit vorgestreckter Zunge in der Luft. In den ersten Lebensmonaten saugen Kälber natürlicherweise täglich im Durchschnitt ungefähr sechsmal während zehn Minuten (gesamthaft also etwa eine Stunde), während mutterlos aufgezogene Kälber täglich zweimal einige Liter Milchaustauscher erhalten, die sie in jeweils rund zwei bis drei Minuten ausgetrunken haben. Die Tiere sind dann zwar ausreichend versorgt, haben jedoch nur 10 Prozent der Zeit trinkend verbracht, die ein Kalb an der Kuh benötigt, sodass sie das entstandene Defizit mit Scheinsaugen zu kompensieren versuchen. Falls die Kälber nicht durch straffe Anbindung, Maulkörbe oder sog. Saugentwöhner (Plastik- oder Stahlringe mit Stachelbesatz) daran gehindert werden, besaugen sie sich - insbesondere wenn zu ihrer Beschäftigung kein Stroh zur Verfügung steht - auch selber oder gegenseitig, was zur Folge hat, dass die dabei geschluckten Haare im Magen verklumpen und zu schmerzhaften Verstopfungen, Blähungen und sogar zum Tod führen können. Weitere Beispiele für Ersatzhandlungen bilden das Stangenbeissen und stundenlange Leerkauen von Sauen im Kastenstand, die ihr unbefriedigtes Kaubedürfnis ebenso zu kompensieren versuchen wie Rindvieh mit dem sog. Zungenspielen.

Überdies verursacht die Intensivtierhaltung abnormale Bewegungsabläufe (so etwa das pferdeartige Aufstehen von Rindvieh infolge Platzmangels) oder Verhaltensstereotypien wie etwa bei Kühen das Abwetzen der Hörner an Teilen der Stalleinrichtung - manche Tiere reiben ihre Hörner so intensiv an den Wänden, dass sie im Laufe der Zeit erheblich kürzer werden - oder bei angebundenen Kälbern das Schlagen des Kopfs gegen die Standbegrenzung. Eine auf die Haltungsbedingungen zurückzuführende Ethopathie stellt schliesslich auch das bei Schweinen zu beobachtende "Trauern" dar, bei dem sich die Tiere zum Schlafen nicht auf die Seite legen, sondern infolge des harten, insbesondere im Bereich des Schulterblatts Druckschmerzen verursachenden Bodens mit geschlossenen Augen und gesenktem Kopf apathisch "im Hundesitz" verharren.


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