"Schamanen mit Flossen", NZZ am Sonntag 16.04.2006
16.04.2006
Till Hein, "Schamanen mit Flossen", NZZ am Sonntag 16.04.2006, S. 77/78 , mit freundlicher Genehmigung der
Neuen Zürcher Zeitung
In seinem ausführlichen Artikel beleuchtet der Autor die Bedeutung von
Delfinen für moderne Therapieformen. Beschrieben werden dabei
insbesondere die mittlerweile erwiesenen positiven Effekte bei der
Behandlung geistig behinderter Kinder. Die kritische Auseinandersetzung
mit den zahlreichen problematischen Aspekte derartiger Therapien für
die eingesetzten Tiere kommt im Artikel hingegen zu kurz.
(18.04.06) Zweifellos bedeuten Tiere heutzutage einen wichtigen Aspekt
für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Dieser Vorteil
kommt nicht nur gewöhnlichen Heimtierhaltern zugute – vielmehr finden
sich auch in anderen Lebensbereichen unzählige Beispiele für den
positiven Einfluss der Anwesenheit von Tieren verschiedenster Arten auf
die menschliche Pysche und Physis. Zu denken ist etwa an den
therapeutischen Einsatz von Tieren in Altersheimen, Spitälern,
Strafanstalten oder bei der Behandlung von geistig zurückgebliebenen,
verhaltensauffälligen, depressiven oder vereinsamten Personen und
schwer erziehbaren Jugendlichen. Kurz gesagt: Tiertherapien sind mehr
und mehr zu einer beliebten und häufig angewandten Methode zur Hilfe
von benachteiligter Menschen geworden.
Allen positiven Effekten zum Trotz birgt der therapeutische Einsatz von
Tieren das erhebliche Risiko, die eingesetzten Tiere zu überfordern und
ihre natürlichen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Diese negativen
Aspekte von Tiertherapien werden in der entsprechenden Fachliteratur
noch immer zu wenig berücksichtigt. Im Hinblick auf einen möglichst
optimalen Nutzen für den Menschen wird die Situation der verwendeten
Tiere nur ungenügend oder teilweise überhaupt nicht berücksichtigt.
Unter Gesichtspunkten des Tierschutzes muss der professionelle
therapeutische Einsatz von Tieren nicht generell abgelehnt werden.
Diese dürfen aber zu keinem Zeitpunkt ausgebeutet oder gar misshandelt
werden und müssen stets frei von jeglichen körperlichen oder seelischen
Leiden sein. Die Nutzung von Tieren umfasst immer auch die Pflicht,
dies verantwortungsvoll zu tun. Um eine ausgeglichene und harmonische
Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier zu erreichen, sind einige
bedeutende Aspekte zu beachten:
- Tiertherapien sollten nur dort angewandt werden, wo
traditionelle Methoden nicht erfolgreich sind und für den menschlichen
Patienten keine realistische Hoffnung auf anderweitige Hilfe besteht.
Zudem sollten Tiere lediglich durch speziell hierfür ausgebildete
Personen und unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt werden.
- Unabdingbare Voraussetzung für den Einsatz von
Tieren zu therapeutischen Zwecken ist die Vorkehrung sämtlicher
Rahmenbedingungen, damit ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigt
werden. Dies bedeutet beispielsweise, dass ihnen stets ausreichend
Futter und Wasser, eine angemessene Unterkunft, Gesundheitsvorsorge und
– vor allem – nach jedem therapeutischen Einsatz genügend Erholungszeit
gewährt wird. Ausserdem muss jedem Tier stets die Möglichkeit zustehen,
sich vom Arbeitseinsatz zurückzuziehen.
- Stresserzeugende oder sogar missbräuchliche
Einsätze für die Tiere sind in keinem Fall zu erlauben und unverzüglich
abzubrechen. Ältere oder besonders empfindliche Tiere dürfen nur in
beschränktem Ausmass verwendet werden. Der Tiereinsatz darf nie
ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt des Nutzens für den Menschen
betrachtet werden. Damit die Tiere nicht früher oder später frustriert
sind und ihre Arbeitsmotivation verlieren, müssen auch sie in
irgendeiner Form von der Therapiesituation profitieren können.
Ansonsten können Verhaltensprobleme oder sogar Aggressionen die Folge
sein und das Therapietier wird selber ebenfalls zum Patienten, was sich
auch für den Menschen negativ auswirkt.
- Die Arbeit mit einem Therapietier geht stets mit
einer gewissen Ausbeutung einher, selbst wenn sie mit grösster Sorgfalt
geleistet wird und das Tier bereitwillig kooperiert. Sogar wenn die
Therapie den Tieren keine offensichtlichen und messbaren Leiden
bereitet, ist stets auch der Aspekt einer allfälligen Verletzung ihrer
Würde zu beachten. Diese ist etwa dann tangiert, wenn es in
unzulässiger Weise gedemütigt oder ausgebeutet wird. Im Bereich der
Tiertherapie ist die Gefahr einer entsprechenden Übernutzung stets
präsent und ausserordentlich hoch. Unter keinen Umständen darf ein
Therapietier als blosses Mittel zum Zweck betrachtet werden. Die Würde
eines Tieres ist offensichtlich verletzt, wenn es für die Therapie
beispielsweise in menschliche Kleider gesteckt wird.
Lediglich eine faire Partnerschaft zwischen Mensch und Tier kann für
beide Seiten einen wirklichen Nutzen hervorbringen. In diesem Sinne
muss das Ziel von Tiertherapien in einer "Win-Win-Win-Situation"
liegen, von welcher der menschliche Patient, der Therapeut und nicht
zuletzt auch das Tier selbst profitieren können. Nur wenn es gelingt,
solche dreifachen Win-Konstellationen unter streng kontrollierten
Bedingungen zu schaffen, wird auch ein Beitrag im Sinne des
Tierschutzes geleistet. Dann ist auch für das Tier eine verbesserte
Lebensqualität das Resultat seines wertvollen Einsatzes als
Ko-Therapeut.
Die Fragen nach der Grenze zwischen Nutzung und Ausnutzung von Tieren
und wie weit der Mensch diese zu respektieren hat, sind ethischer
Natur. Während einerseits Therapeuten sich um das Wohlbefinden der
ihnen anvertrauten Tiere zu kümmern haben, fällt der Schutz von
Therapietieren anderseits natürlich auch in die Zuständigkeit des
Gesetzgebers. Nur restriktive Tierschutzbestimmungen können einen
angemessenen Schutz vor Ausbeutung garantieren. Art. 120 Abs. 2 der
schweizerischen Bundesverfassung, der die tierliche Würde bereits seit
1992 schützt, und detaillierte Umschreibungen dieses Grundsatzes durch
die voraussichtlich Mitte 2007 neu in Kraft tretende eidgenössische
Tierschutzgesetzgebung, sind vor diesem Hintergrund Grundpfeiler zum
Schutz des Tieres im Rahmen tiergestützter Therapie.