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Tierische Therapeuten

28.11.2005

Marion Kaden, "Tierische Therapeuten", Natürlich 11/2005, S. 6-15

In einem ausführlichen und gründlich recherchierten Artikel beleuchtet die Autorin die Bedeutung von Tieren für moderne Therapieformen. Verschiedenste durch die Gesellschaft von Tieren hervorgerufene Gesundheitseffekte – wie etwa Blutdrucksenkung, Muskelentspannung, Schmerzverringerung – gelten mittlerweile als nachgewiesen, sodass tierliche Therapeuten heute in einer Vielzahl von Bereichen eingesetzt werden. Das PDF des Artikels wird ab 3.12.05 verfügbar sein.

(28.11.05, gb) Zweifellos bedeuten Tiere heutzutage einen wichtigen Aspekt für die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen. Dieser Vorteil kommt nicht nur gewöhnlichen Heimtierhaltern zugute – vielmehr finden sich auch in anderen Lebensbereichen unzählige Beispiele für den positiven Einfluss der Anwesenheit von Tieren verschiedenster Arten auf die menschliche Pysche und Physis. Zu denken ist etwa an den therapeutischen Einsatz von Tieren in Altersheimen, Spitälern, Strafanstalten oder bei der Behandlung von geistig zurückgebliebenen, verhaltensauffälligen, depressiven oder vereinsamten Personen und schwer erziehbaren Jugendlichen. Kurz gesagt: Tiertherapien sind mehr und mehr zu einer beliebten und häufig angewandten Methode zur Hilfe von benachteiligter Menschen geworden.

Allen positiven Effekten zum Trotz birgt der therapeutische Einsatz von Tieren das erhebliche Risiko, die eingesetzten Tiere zu überfordern und ihre natürlichen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Diese negativen Aspekte von Tiertherapien werden in der entsprechenden Fachliteratur noch immer zu wenig berücksichtigt. Im Hinblick auf einen möglichst optimalen Nutzen für den Menschen wird die Situation der verwendeten Tiere nur ungenügend oder teilweise überhaupt nicht berücksichtigt.

Unter Gesichtspunkten des Tierschutzes muss der professionelle therapeutische Einsatz von Tieren nicht generell abgelehnt werden. Diese dürfen aber zu keinem Zeitpunkt ausgebeutet oder gar misshandelt werden und müssen stets frei von jeglichen körperlichen oder seelischen Leiden sein. Die Nutzung von Tieren umfasst immer auch die Pflicht, dies verantwortungsvoll zu tun. Um eine ausgeglichene und harmonische Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier zu erreichen, sind einige bedeutende Aspekte zu beachten:

  • Tiertherapien sollten nur dort angewandt werden, wo traditionelle Methoden nicht erfolgreich sind und für den menschlichen Patienten keine realistische Hoffnung auf anderweitige Hilfe besteht. Zudem sollten Tiere lediglich durch speziell hierfür ausgebildete Personen und unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt werden.
  • Unabdingbare Voraussetzung für den Einsatz von Tieren zu therapeutischen Zwecken ist die Vorkehrung sämtlicher Rahmenbedingungen, damit ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigt werden. Dies bedeutet beispielsweise, dass ihnen stets ausreichend Futter und Wasser, eine angemessene Unterkunft, Gesundheitsvorsorge und – vor allem – nach jedem therapeutischen Einsatz genügend Erholungszeit gewährt wird. Ausserdem muss jedem Tier stets die Möglichkeit zustehen, sich vom Arbeitseinsatz zurückzuziehen.
  • Stresserzeugende oder sogar missbräuchliche Einsätze für die Tiere sind in keinem Fall zu erlauben und unverzüglich abzubrechen. Ältere oder besonders empfindliche Tiere dürfen nur in beschränktem Ausmass verwendet werden. Der Tiereinsatz darf nie ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt des Nutzens für den Menschen betrachtet werden. Damit die Tiere nicht früher oder später frustriert sind und ihre Arbeitsmotivation verlieren, müssen auch sie in irgendeiner Form von der Therapiesituation profitieren können. Ansonsten können Verhaltensprobleme oder sogar Aggressionen die Folge sein und das Therapietier wird selber ebenfalls zum Patienten, was sich auch für den Menschen negativ auswirkt.
  • Die Arbeit mit einem Therapietier geht stets mit einer gewissen Ausbeutung einher, selbst wenn sie mit grösster Sorgfalt geleistet wird und das Tier bereitwillig kooperiert. Sogar wenn die Therapie den Tieren keine offensichtlichen und messbaren Leiden bereitet, ist stets auch der Aspekt einer allfälligen Verletzung ihrer Würde zu beachten. Diese ist etwa dann tangiert, wenn es in unzulässiger Weise gedemütigt oder ausgebeutet wird. Im Bereich der Tiertherapie ist die Gefahr einer entsprechenden Übernutzung stets präsent und ausserordentlich hoch. Unter keinen Umständen darf ein Therapietier als blosses Mittel zum Zweck betrachtet werden. Die Würde eines Tieres ist offensichtlich verletzt, wenn es für die Therapie beispielsweise in menschliche Kleider gesteckt wird. 

Lediglich eine faire Partnerschaft zwischen Mensch und Tier kann für beide Seiten einen wirklichen Nutzen hervorbringen. In diesem Sinne muss das Ziel von Tiertherapien in einer "Win-Win-Win-Situation" liegen, von welcher der menschliche Patient, der Therapeut und nicht zuletzt auch das Tier selbst profitieren können. Nur wenn es gelingt, solche dreifachen Win-Konstellationen unter streng kontrollierten Bedingungen zu schaffen, wird auch ein Beitrag im Sinne des Tierschutzes geleistet. Dann ist auch für das Tier eine verbesserte Lebensqualität das Resultat seines wertvollen Einsatzes als Ko-Therapeut.

Die Fragen nach der Grenze zwischen Nutzung und Ausnutzung von Tieren und wie weit der Mensch diese zu respektieren hat, sind ethischer Natur. Während einerseits Therapeuten sich um das Wohlbefinden der ihnen anvertrauten Tiere zu kümmern haben, fällt der Schutz von Therapietieren anderseits natürlich auch in die Zuständigkeit des Gesetzgebers. Nur restriktive Tierschutzbestimmungen können einen angemessenen Schutz vor Ausbeutung garantieren. Art. 120 Abs. 2 der schweizerischen Bundesverfassung, der die tierliche Würde bereits seit 1992 schützt, und detaillierte Umschreibungen dieses Grundsatzes durch die voraussichtlich 2007 neu in Kraft tretende eidgenössische Tierschutzgesetzgebung, sind vor diesem Hintergrund Grundpfeiler zum Schutz des Tieres im Rahmen tiergestützter Therapie.


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